Hochmeister Alpin
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Gipfeltag und Abstieg

Nach 10 Tagen im Basislager konnten wir am 17.5. dann endlich
zum Gipfelgang aufbrechen. Wieder ging es in anstrengenden Aufstiegen über die Lagerkette nach oben, bevor wir am 20.5.
das letzte Lager am South Col auf knapp 8.000 m erreichten; ein extrem unwirtlicher Ort in der sogenannten „Todeszone“, wo ein Überleben auch beim bester Höhenanpassung nur kurze Zeit möglich ist.

 

Um 5 Uhr abends nochmals ein Schock, als wir die letzte Wetterprognose per Funk hören und erfahren, dass die Windgeschwindigkeit im Gipfelbereich entgegen der Langzeitprognose doch gegen 60 km/h gehen werden. Letztlich fällt die Entscheidung für den Gipfelgang und wir dösen noch ein paar Stunden im Zelt vor uns hin, bevor wir um 10 Uhr abends mit unseren Vorbereitungen für den Aufstieg beginnen. Alle wichtigen Utensilien, wie Handschuhe, die Innenschuhe der Bergstiefel, Wasserflaschen, etc. sind natürlich seit Stunden im Schlafsack zum Aufwärmen.

 

Die Anspannung war natürlich riesengroß, als wir um 11 Uhr nachts, eingehüllt in unsere dicke Daunenbekleidung und mit unseren Sauerstoffflaschen im Rucksack gemeinsam mit unseren Sherpas endlich Richtung Gipfel starteten.Das Thermometer zeigt unter 30 Grad beim Start und am South Col blies wie immer ein kräftiger Wind. Die Aufregung und der gleich nach relativ kurzer Zeit steile Anstieg Richtung Balcony, bis wohin wir einige vor uns gestartete Bergstieger überholen konnten, ließen uns die Kälte nicht spüren.
 

Der mehrere Stunden dauernde Anstieg im Dunkeln bis zum Balcony, wo das erste Mal gerastet werden kann und die Sauerstoffflaschen getauscht werden, war durch losen Neuschnee etwas erschwert, aber wir kamen trotz der Höhe gut voran und erreichten den Balcony bereits kurz nach zwei Uhr. Von dort geht es kurze Zeit etwas flacher dahin, bevor es in Richtung Südgipfel (8.750 m) über einen extrem steilen Schneehang nach oben geht.

 

Von den gern immer wieder zitierten angeblichen „Staus“ auf dem Weg zum Gipfel war an diesem Tag nichts zu sehen. Dagegen blieb es uns leider nicht erspart, im Aufstieg zum Südgipfel auf einen erst vor kurzer Zeit dort gestorbenen Bergsteiger zu treffen, was uns die Ernsthaftigkeit der Situation nochmals drastisch vor Augen führte.

 

Als um halb fünf Uhr auf dem Weg zum Südgipfel sich der
Sonnenaufgang mit einem schmalen goldenen Streifen am Horizont ankündigt, ist dies gleichzeitig auch ein enormer Motivationsschub und es werden nochmals alle Kräfte für den verbleibenden Anstieg mobilisiert. Aus der großen Höhe konnten wir mit eigenen Augen klar die Erdkrümmung am Horizont beobachten und setzten fasziniert unseren weiteren Aufstieg fort.

 

Lukas, der mit seinem Sherpa Da Zangbu etwas schneller unterwegs war, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Südgipfel erreicht, wo nun starker Wind einsetzte, der das Fortkommen erschwerte und einem fast  umwarf. Mit dem Gipfel bereits in Sicht war freilich an ein Umdrehen nicht mehr zu denken.

 

Die letzten Meter bis zum Gipfel beschrieb Lukas in einer ersten Reaktion folgendermaßen: „Wir bewältigten den Hillary Step, kletterten
die letzten Meter am Grat und erreichten um 5:30 den Gipfel. Das Gefühl am Gipfel angekommen zu sein ist unbeschreiblich, die ganze Welt lag uns zu Füßen; ich konnte mir die Tränen nicht verkneifen. Ich machte einen kurzen Ausflug nach China [der Gipfel markiert exakt die Grenze zwischen Nepal und China], machte meine Gipfelfotos und war dann schnell wieder am Weg nach unten; es hatte immer noch 35 Grad unter 0! Am Gipfelgrat traf ich dann meinen Vater; wir umarmten uns kurz und ich wünschte ihm für seinen weiteren Aufstieg alles Gute.
Er erreichte den Gipfel um 7:15.“

 

Auch der Abstieg zum South Col war noch sehr kräfteraubend; dazu kam noch, dass speziell am engen, steilen Gipfelgrat, der mehr als zweitausend Meter ins Western Cwm abfällt, noch viele Bergsteiger im Aufstieg waren und ein Ausweichen nur sehr schwer möglich ist. Die Erschöpfung war groß, als wir am Vormittag endlich wieder am South Col ankamen. Als erstes galt es wieder einmal viel zu trinken, da wir für den Gipfelgang selbst lediglich ca. 1,5 l Flüssigkeit dabeihatten. So gut es an diesem unwirtlichen Ort geht, versuchten wir uns am Nachmittag und in der Nacht im Zelt auszuruhen, um Kraft für den weiteren Abstieg zu sammeln.

 

Der Abstieg ins Lager 2 am nächsten Morgen war nochmals extrem anstrengend; wir waren aufgrund der Witterungsverhältnisse am South Col mit Daunenhose und –jacke sowie schwerem Gepäck unterwegs, sodass uns auf dem kräfteraubenden Abstieg über die steile Lhotsewand in der prallen Sonne so richtig heiß wurde und wir bis zur Daunenhose alles kräftig durchschwitzten.

 

Als wir zu Mittag im Lager 2 ankamen machte sich erstmals eine deutliche Erleichterung spürbar, auch wenn der gefährliche Gang durch den Eisbruch noch bevorstand. Jeder in der Gruppe erzählte von seinen persönlichen Erlebnissen vom Gipfeltag und es war deutlich spürbar, wie die große Anspannung der letzten Monate von jedem einzelnen abfiel. Zeitig am nächsten Morgen ging es dann noch ein letztes Mal durch den Eisbruch, der mittlerweile durch die höheren Temperaturen noch beängstigender wirkte, da bereits die eine oder andere Leiter kaum mehr auf den Spaltenrändern auflag und so für großes Herzklopfen beim Überqueren sorgte.

 

Als wir schließlich am 23.5. um ca. 9 Uhr auch den Eisbruch zum letzten Mal durchquert hatten, war dies nochmals ein unglaublich emotionaler Augenblick, da wir nun nicht nur den Gipfel geschafft hatten, sondern auch wieder gesund am Fuße des Berges angekommen waren. Auch wenn wir gerade die anstrengendsten Tage unseres Lebens hinter uns hatten und extrem erschöpft waren, wurde nun ausgelassen gefeiert und auf den Gipfel und die glückliche Rückkehr angestoßen.

 

Schon am nächsten Morgen ging es dann in einem dreitägigen Marsch vom Basislager zurück nach Lukla, dem Ausgangspunkt unserer Expedition im Khumbutal. Angetrieben von der großen Euphorie, den Gipfel geschafft zu haben, ging es nun wieder in niedrigere Regionen und wir genossen das erste Grün nach sieben Wochen Fels und Eis, während wir an den Abenden in den Lodges nochmals ausgiebig unsere einmaligen Erlebnisse besprachen und unseren Erfolg feierten.

 

Jetzt da die Anspannung weg ist, beginnen wir langsam zu realisieren, was in den letzten Wochen geschehen ist. Die Freude, als 41. bzw. 42. Österreicher am Gipfel des höchsten Berges gestanden zu sein, ist gigantisch!

 

Auch dieses Jahr hat der Berg wieder zahlreiche Opfer gefordert, umso mehr sind wir sehr dankbar, heil zurückgekehrt zu sein; wir wissen es ist nicht selbstverständlich!

 

 

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© Lukas und Josef Hochmeister